Nachfolge Jesu heute

Oftmals sind die einfachsten Definitionen die besten. Doch gleichzeitig sind sie oft auch diejenigen, die am meisten missverstanden werden. Wenn es darum geht, die schlichteste und grundlegendste Beschreibung des christlichen Lebens zu finden, dann gibt es kaum einen verständlicheren Begriff als den der Nachfolge. Jesus rief seinen Jüngern schlicht und ergreifend zu: »Folge mir nach!« (Mt 9,9). Und doch haben die Jünger sehr schnell gelernt, dass das, was leicht verständlich ist, nicht unbedingt auch leicht getan ist, bedeutet doch Nachfolge Jesu immer gleichzeitig die Verleugnung des Ichs und das Tragen eines Kreuzes (Mt 16,24). So ist Nachfolge mit biblischem Recht zum Inbegriff des christlichen Lebens geworden und das Kreuz zur Chiffre für das, was einen jeden Nachfolger Jesu diesseits der Herrlichkeit erwartet.

Wie Nachfolge unter dem Kreuz aussehen mag, darauf sind dann in den fünf Jahrhunderten zwischen den beiden gleichnamigen Bestsellern mit dem Titel Nachfolge von Thomas von Kempen (1380–1471; De imitatione Christi) und Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) völlig unterschiedliche und oft gegensätzliche Antworten gegeben worden.

Und wie so oft liegt der Sinn und Wert, diese unterschiedlichen historischen Entwürfe zu kennen, darin, dass sie uns heute alle auf die ein oder andere Weise wieder begegnen. 

Da sind zunächst diejenigen, die unter Nachfolge etwas metaphysisches verstehen, also die Nachahmung des Wesens Gottes (imitatio dei). In der griechischen Philosophie gab es längst den Gedanken, dass das Ziel des Lebens darin besteht, nach dem Göttlichen zu streben. Die alte Kirche war nicht bereit, diesen Gedanken als völlig gotteslästerlich abzutun. Besonders in der Kirche des Ostens, aber auch manch römisch-katholischem Entwurf lebt er weiter als Theosis – die »Vergottung« des Menschen. Rundweg verwerfen können wir diesen Gedanken nur, wenn wir nicht einen wahren biblischen Kern darin erkennen: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott!« (3Mo 19,2; 1Pet 1,16; vgl. Jesu Worte in der Bergpredigt in Mt 5,48). Problematisch wurde dieses Verständnis an verschiedenen Stellen, besonders wo der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Meister und Knecht geleugnet wird, und wo die Nachfolge der Christen in der Welt selbst als Fortsetzung der »Inkarnation« verstanden wird. Auf dieser Seite finden wir heute viele pietistische, pfingst-charismatische und mystische Ansätze der Nachfolge, sowie die Heiligungsbewegung.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die Nachfolge nicht als Imitation des Wesens, sondern der Taten Jesu verstehen. Sie sehen die Essenz des christlichen Lebens im Tun – darin, arm zu sein um Jesu willen, bereit zu sein zu leiden, sich anderen helfend und heilend zuzuwenden, und ihnen die Botschaft zu bringen, die Jesus selbst brachte und mit der er seine Jünger aussandte. Nächstenliebe ist für sie das Synonym für Nachfolge schlechthin. Hier finden wir bestimmte Strömungen des Mönchtums, aber auch den Ansatz liberaler protestantischer Kirchen. Problematisch ist hier oftmals die unverantwortliche Gleichsetzung zwischen den Taten Jesu und den Taten der Jünger.

Die Reformation hat versucht, dem wahren biblischen Kern auf beiden Seiten wieder gerecht zu werden. Während es Luthers Verdienst war, das Herzstück der Nachfolge in der Botschaft der Rechtfertigung des Gottlosen zu lokalisieren – entgegen allen metaphysischen Spekulationen, war es eher Calvins Verdienst, den Aspekt der Nachfolge als konkrete Heiligung des Lebens »coram deo«, d. h. vor dem Angesicht Gottes, wieder an seinen rechten biblischen Ort zu rücken. 

 In den folgenden Artikeln der Sommerausgabe der Reformation Heute wollen wir einigen Aspekten der Nachfolge nachspüren. Die Notwendigkeit des Gebetes für wahre Nachfolge bildet den Ausgangspunkt. Es folgt ein Artikel über Paul Schneider (1897-1937), den »Prediger von Buchenwald«, der den Zusammenhang zwischen Nachfolge und Bekenntnis zu Christus lebendig werden lässt. Der Artikel »Gäste und Pilger auf Erden« versucht, Nachfolge Jesu kirchlich und eschatologisch zu verstehen, d. h. im Kontext der verschiedenen Kapitel der Heilsgeschichte, die auch den Kontext unseres Lebens bilden. Der letzte Artikel thematisiert ebenfalls die Eschatologie, nämlich die Spannung des christlichen Lebens zwischen Sündenfall und Erlösung, zwischen Leid und Verherrlichung.

Möge diese Ausgabe Sie, den Leser, ermutigen, ganz neu und ganz konkret auf den Ruf Jesu – »Folge mir nach!« – zu hören und zu antworten. 

Für die Redaktion,
Sebastian Heck

Die neue ReformationHeute kommt bald!

Die neue ReformationHeute kommt bald!

Im Herbst diesen Jahres soll die neue ReformationHeute erscheinen. In neuem Format, neuem Design und mit substantiellen Artikeln zu den Fundamenten des christlichen Glaubens.
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